_letztes Bild_ Das kleine Auto ist zugemüllt. Zeitungen, Essensreste und leere Gummibärchentüten liegen herum, verschimmelte Kaffeebecher klemmen zwischen den Sitzen. Auf der Rückbank liegt, zwischen alten Zeitungen und dicken Wälzern, ein ausgebleichter roter Wimpel der SPD. Es stinkt, die abgewetzten Garnituren schwitzen den kalten Geruch unzähliger Zigaretten aus.

Seitdem wir losgefahren sind, wirft Werner mir skeptische Blicke zu, die ich nicht einordnen kann. Es ist mir unangenehm, darum weiche ich ihnen aus und drehe verlegen die zerbrochene Tulpe in der Hand. Irgendwann räuspert er sich: „Kannst du vielleicht das Ding weglegen?“ Er legt die Denkerstirn in Falten, drückt die Augenbrauen zusammen und wirft mir über seine Nickelbrille hinweg einen griesgrämigen Blick zu, schiebt die Brille dann energisch die Säufernase hoch und kräuselt den Schnauzbart. Er sieht wie ein alter Luftballon aus, dem allmählich die Luft ausgeht.

War ja klar, dass Werner keinen Spaß versteht, er ist alte Schule und hat nicht viel zu lachen, der Griesgram ist habituelle Notwendigkeit, heute mehr denn je. Schmunzelnd sehe ich mich um, und weil mir nichts besseres einfällt, schmeiße ich das Glas einfach aus dem Fenster; ein Auto hinter uns hupt. Diesmal sieht Werner mich väterlich strafend an. Ich seufze. Die Stimmung bleibt angespannt, wir schweigen.

Hinterm Ohr zieht er eine Zigarette hervor. Er raucht filterlose Selbstgedrehte, die auf den Fingern dunkle Nikotinflecken hinterlassen haben. Nach dem ersten Zug hustet er trocken, der Kehlkopf schluckt mühsam über dem engen Saum des Rollkragenpullovers. Er schwitzt, sein dünnes Haar klebt an den Schläfen. Mir fällt auf, dass er dreckige Ohren hat, auf denen lange Haare wachsen; ich muss mir wieder das Lachen verkneifen. Eitel ist er also nicht, natürlich nicht, trotz seines Intellekts ist er der kleine Mann aus dem Volk. Das ist ihm wichtig, das Arbeiterkind in ihm ist stolz. Dreckige Ohren sind quasi politisch und Ästhetik nur das Blendwerk der Bourgeoisie, zumindest gefühlt.

Fahrig raucht er die Zigarette. Mit dem Arm wischt er sich Schweiß von der Stirn, Asche fällt aufs Hosenbein. Ich beobachte ihn heimlich aus den Augenwinkeln, irgendwie auch fasziniert, immerhin ist er ein Relikt vergangener Zeiten. Ich würde ihn am liebsten fotografieren, um mich später an den alten Muff zu erinnern. „Und?“, fragt er aus heiterem Himmel, ohne den Blick von der Straße zu wenden, „wo willst du hin?“ Keine Ahnung. Bis vor ein paar Minuten hätte ich nicht damit gerechnet, die Insel zu verlassen; ich war doch zufrieden. Wo will ich hin? „Ans Meer“, antworte ich intuitiv, lasse es mir schnell durch den Kopf gehen und finde es eine gute Idee, schön klassisch. Werner zieht nur die Augenbrauen hoch. Er bringe mich erstmal zum Hauptbahnhof. Es ist keine Frage, also antworte ich nicht.

Demonstrativ blicke ich aus dem Fenster. Ich bin in eine Situation geraten, in der ich mich genötigt fühle, ein Gespräch zu führen, weiß aber nicht, wie man das anstellt. Darum versuche ich, jeden Anlass für eine Unterhaltung zu vermeiden und täusche Müdigkeit vor. Während ich die Augen zwanghaft geschlossen halte und die Häuser als Schatten hinter den Lidern vorbeihuschen, finde ich mich albern. Ich muss an Uschi denken und fühle mich wieder klein und lächerlich, wurstig irgendwie. Ich hasse dieses Gefühl. Warum kann ich mich nicht einfach normal verhalten? Ich weiß doch, wie das geht, ich habe es doch oft im Fernsehen gesehen.

„Menschenskind, sei nicht so verklemmt!“ Ich öffne die Augen und gucke Werner erschrocken an. Wieso verklemmt? Er sieht empört aus, es kommt mir aber spöttisch vor. Ich fühle mich ertappt und senke wieder den Blick. Das Herz klopft so laut, dass er es bestimmt hören kann. Fuck. Ich druckse rum, klammere mich am Sitz fest und rechtfertige mich kleinlaut, ich sei bloß in Gedanken versunken, aber er winkt ab und schüttelt ungläubig den Kopf. „Ist immer das Gleiche mit dir“, murrt er. „Glaubst wohl, was Besseres zu sein.“ Er dreht sich eine weitere Zigarette, zündet sie an und bläst mir den Rauch ins Gesicht. „Worüber denkst du denn nach?“, fragt er dann. Ich zucke mit den Schultern. „Ach nix.“ Er stöhnt genervt. „Ach so“, sagt er ironisch. Ich verdrehe die Augen und stöhne auch. „Meine Güte, über Uschi.“ Er sieht mich überrascht an und lacht schäbig. Was es denn über diese Schlampe so viel nachzudenken gäbe? Im ersten Moment bin ich perplex, doch er hat Recht, ich lache also mit.

_richtig geiler Ficker_ Werner hält am Straßenrand, und ich befürchte, dass er mich rausschmeißt, stattdessen steht seine dicke Frau Sabine am Bürgersteig und winkt mit Tüten in der Hand. Ich verstehe nicht, warum sie nicht die Hand ohne Tüten benutzt. Als sie mich sieht, macht sie keinen besonders glücklichen Eindruck. Für einen Augenblick steht sie konsterniert vor dem Auto, bevor sie sich grußlos auf die Rückbank setzt. Sie schiebt sich ächzend in die Mitte, lehnt sich vor, nötigt Werner zu einem Kuss und legt die Arme auf den Vordersitzen ab. Ich spüre die Körperwärme und rücke ein Stück weg. „Was macht der denn hier?“, fragt sie ihn barsch und deutet mit dem Kinn in meine Richtung. „Wir bringen ihn zum Hauptbahnhof“, antwortet Werner lapidar und fährt los. Sabine wirkt genervt, sagt aber nichts mehr. Werner wirft einen abschätzenden Blick in den Rückspiegel. Das habe er mir versprochen, rechtfertigt er sich. Sie starrt ihn eindringlich an. „Du hast doch nicht vergessen, dass wir…“ Schnell schüttelt er den Kopf. Sie verstummt grinsend, ihr Lächeln kommt mir lüstern vor. Werner plötzlich auch.

Ich habe das Gefühl, mich Sabine gegenüber erklären zu müssen. „Ich fahre nämlich ans Meer,“ sage ich also. Sie dreht sich zu mir um und verzieht, ohne mich anzusehen, ihre Mundwinkel kurz zu einer Grimasse, wendet sich wieder ab und erzählt Werner ungefragt von ihrem bisherigen Tag. Ich heuchle Interesse, nachdem sie jedoch lang und breit ihr Frühstück beschrieben hat, höre ich nicht weiter zu, ihre Stimme plätschert nur noch im Hintergrund dahin. Selbst Werner hört ihr nicht zu. Wenn sie merklich lauter spricht, guckt er kurz in den Rückspiegel, lächelt etwas gequält und tätschelt ihr Knie, sieht dann zu mir hinüber und zwinkert mit dem linken Auge, das kann sie nicht sehen.

Ich verstehe gut, dass Werner sich für sie schämt. Sabine ist nicht nur plump und hässlich, sie ist ihm sicher auch an Belesenheit und Weltgewandtheit bei weitem unterlegen. Sie hat nicht mit Bierernst das gesammelte Werk von Günter Grass gelesen und bei anrüchigen Passagen einen Steifen bekommen, natürlich nicht. Sie kann auch nicht Brecht zitieren. Und dass er in schwere Gedanken verfällt, wenn sie zu viel redet, das stört sie nicht, das fällt ihr gar nicht auf, sie blubbert einfach weiter. Im Herzen ein kleiner Chauvinist, im Kopf jedoch gehemmt, ist Werners Griesgram das letzte Merkmal seiner Männlichkeit.

Sabine verstummt plötzlich und unterbricht meine Gedanken, sie wirft Werner einen vorwurfsvollen Blick zu: „Hast du getrunken?“ Werner zuckt kurz zusammen und verneint. Sie glaubt ihm kein Wort, nimmt an der nächsten roten Ampel sein Kinn zwischen die speckigen Finger und zerrt es ruppig zu sich. „Na komm schon!“ Er verdreht die Augen, haucht sie an und schüttelt dann ihre Hand ab. „Zufrieden?“ Nein, sie ist nicht zufrieden. Wo er mich denn getroffen habe, will sie wissen. „Vorm Strandgut natürlich“, sagt er schnippisch. Sie lehnt sich zurück und verschränkt die Arme: „Also doch.“ Er stöhnt hilflos, es klingt fast kindisch. „Ich stand mit dem Wagen vor der Terrasse“, verteidigt er sich, „da kam er plötzlich angelaufen.“ Sabine nickt: „Schon klar.“ Ich will ihm zustimmen, komme aber nicht dazu. „Verdammt“, blafft er sie plötzlich an, „ich bin kurz rangefahren, um zu telefonieren.“ Endlich hält sie ihren Mund.

Die Situation ist Werner unangenehm, kein Wunder, mir auch. Es ist beschämend, wenn andere Leute ihre Streitigkeiten öffentlich austragen. Und während er im Handschuhfach nach einer Kassette sucht, um von seiner Wurstigkeit abzulenken, nehme ich mir daraus eine Broschüre, um darin zu blättern. Er widersteht merklich dem Reflex, schnell noch die Klappe zu schließen, Sabine hält die Luft an. Ich checke plötzlich, dass es sich um ein Magazin für private Sexinserate handelt. Happy Weekend, alles klar. Alle schweigen betreten.

Auf der bereits aufgeschlagenen Seite ist ein Inserat markiert, auf dem Foto steckt ein rasierter Schwanz in einer Muschi. Trotz Unschärfe ist im Hintergrund Werners Gesicht zu erkennen, der Schnäuzer verrät ihn. Ich kann den Blick nicht abwenden und bin fassungslos: Werner ist rasiert! Er sieht mich ausdruckslos an und weiß nicht, was er sagen soll. Sabine findet schnell die Sprache wieder, sie versucht die Situation zu retten. „Die Mumu bin nicht ich“, sagt sie und kichert albern, gewollt kokett, wirft ihrem Mann einen bewundernden Blick zu, knufft ihm in die Wange und macht eine sexy Entenschnute. „Werner ist ein richtig geiler Ficker“, säuselt sie liebevoll, als rede sie über ihren Hund. Ich hebe eine Augenbraue. Aha.

Werner grinst jetzt über beide Ohren. Es gefällt ihm natürlich, ein geiler Ficker zu sein. Ich meine, wem nicht. Er sieht mich an, als erwarte er von mir, dass ich ihm dazu gratuliere. Da ich nicht reagiere, nimmt er mir das Heft aus der Hand und legt es zurück, schiebt gut gelaunt eine Kassette in den Recorder und dreht die Lautstärke voll auf. Das Band knistert. Er sieht mir fest in die Augen und lässt dem Stolz über die eigene Potenz freien Lauf. Plötzlich hämmern Bassakkorde auf einem Klavier, auf denen noch eine Mundharmonika slidet. „Eine Frau ist nicht genug für mich“, ruft er mir zu und zwinkert mit beiden Augen gleichzeitig. Ich bekomme eine Gänsehaut.

Playing a part in a picture-show/ Cos you’re the joke of the neighborhood/ Why should you care if you’re feeling good

Werner dreht sich wieder eine Zigarette, die Ellbogen aufs Lenkrad gestemmt, um das Auto unter Kontrolle zu halten. Es gelingt ihm aber nicht, sie anzuzünden, weil er mit dem Kopf im Rhythmus der Musik wippt. Sabine klatscht.

But there are times that you feel/ you’re part of the scenery

Ich muss lachen. Als Werner das sieht, wird er übermütig, trommelt aufs Lenkrad und jault das Klarinettensolo mit. Sabine schwenkt nun die Arme überm Kopf, so gut es eben geht, kein Scheiß, ich bin völlig perplex. „Ich liebe Supertramp“, brüllt Werner jetzt, weil die Musik so laut ist, „die Mucke geht ganz schön nach vorne, auch beim Bumsen!“

Schön für ihn, dass er die Früchte der Sexuellen Revolution genießt, wenigstens bumsen kann er jetzt befreit, er hat ja sonst nicht viel zu lachen. Es floriert die geile Geilheit, es schillert die persönlich gehegte Perversion im grellen Licht kleinbürgerlicher Geschmacklosigkeit. Manch einer wird sich das vor vierzig Jahren zwar anders vorgestellt haben, irgendwie kultivierter, zumindest liebevoller, aber das muss ein Missverständnis gewesen sein. Befreiung ist nicht schön. Vielleicht sind Sexgeschichten von Henry Miller tiefsinnig, vielleicht hat Sex auch etwas mit Selbstfindung zu tun, vielleicht ist sogar ein Arschfick in einem amerikanischen Hochglanzporno ästhetisch, aber die Realität sieht irgendwie anders aus. Ein fickender Werner ist vermutlich weder tiefsinnig noch ästhetisch, ja nicht einmal geil.

Nach dem Song fällt die Situation mit einem Schlag in sich zusammen. Sabine sackt nach hinten und knibbelt an den Fingernägeln, Werner raucht mürrisch und schweigt. Nur die Musik ist laut und nervt. Ich schiebe beiläufig den Müll mit den Füßen hin und her und bilde mir ein, durch meine Gedanken alles kaputt gemacht zu haben. Kann das sein? Auch egal, ich war eh an keiner Fortsetzung des Gesprächs interessiert. Ich wüsste gar nicht, was das bringen sollte, außer der Bestätigung dessen, was ich eh befürchtet hatte. Menschen sind so berechenbar, ein Jammer ist das, fast ein bisschen schade. Verwundert sehe ich mich um. Und was macht eigentlich Sabine, während Werner eine andere fickt? Krault sie ihm dann anerkennend die Ohrenhaare? Ich lächle. Ich glaube, gar nichts wurde wegrevolutioniert.

© Männerschwarm Verlag

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